100 Wörter Venezianisch

Wie nähert man sich den Geheimnissen Venedigs? Über die Sprache, das Venezianische. 100 Wörter (und fast 100 Bilder) aus den Bereichen Essen und Trinken, Mode, vergangene und gegenwörtige gesellschaftliche Zusammenhänge, Mythos, Kunst und Architektur, verständlich erklärt, führen zu einem vertieften Verständnis von „La Serenissima“. Danilo Reato schrieb ein Lexikon, das es so noch nicht gibt.


Danilo Reato
100 Wörter Venezianisch
Ein kulturgeschichtliches Lexikon
Aus dem Italienischen übersetzt von Ursula Sharma
ca. 120 S., ca. 100 Abb., Softcover
ca. 18 €
ISBN 978-3-947838-07-3


Venedig, Venezianisch, Sprache, Dialekt, Kultur Venedigs, Topographie Venedigs, Küche Venedigs, Lifestyle


Der Beginn des Inhaltsverzeichnisses

altàna _ Altan, Dachterrasse
articiòco _ Artischocke
bàcaro _ Kneipe, Weinbar
baccalà _ Stockfisch
baìcolo _ bestimmter venezianischer Zwieback
barbacàn _ vorkragende Stütze aus Holz oder Stein an einer Hauswand
baréna _ Salzwiese
baùta _ Bauta, Bahute (Gesellschaftsmaske)
bìgolo _ bestimmte Hartweizengriesnudel
bisàto _ Aal
biso _ Erbse
bòcolo _ Rosenknospe
bòvolo _ Schnecke
brìcola _ Pfahl, Dalbe
Ca‘ _ (Abkürzung für) Palast
calìgo _ (dichter) Nebel
calle _ Gasse
campièllo _ kleiner Platz
campo _ Platz
canàl _ Kanal
canestrèlo _ Bunte Kammmuschel
canòcia _ Heuschreckenkrebs
capa _ Muschel
caréga _ Stuhl
casìn _ Spielcasino
castradìna _ Gericht mit Hammelfleisch und Wirsing
cavàna _ überdachter Bootsstellplatz
ciàcola _ Geschwätz, Klatsch
cìcara _ Tasse
cichéto _ Häppchen, Kanapee
ciò _ (Füllwort)
cocàl _ Lachmöwe
corte _ (meist) kleiner umschlossener Platz, Hof
crosèra _ Straßenkreuzung
[…]

Ein Beispiel: die Gasse, calle

calle_Gasse
Sg. f.; Pl. calli

Das Wort ist vom Lateinischen calle(m) [Straße, Weg] abgeleitet und bezeichnet das typische enge Gässchen, das für das Wegesystem Venedigs charakteristisch ist. Die Ersterwähnung dieses Worts geht auf das Jahr 1038 zurück. Es gibt etwa 3000 calli, verteilt auf die sechs sestieri (Stadtsechstel, s. dort), in die die Stadt in der Lagune unterteilt ist. Manche sind eng und krumm und ohne irgendeine Logik zwischen einem Haus und dem nächsten entstanden.

Der Vollständigkeit halber muss angemerkt werden, dass die Kanäle und nicht die Gassen einst die entscheidenden Verbindungswege waren. „Es gab keinen Grund, (die Gassen) in geordneter Weise anzulegen, vielmehr kam es darauf an, den überbaubaren Raum optimal auszunutzen, und so hat man denn dem Zugang vom Wasser her stets mehr Bedeutung beigemessen als den Verbindungswegen vom Land. Deshalb sind die calli manchmal sehr eng, eben wegen des auf den verschiedenen Inseln nur begrenzt zur Verfügung stehenden Platzes.“ (Brusegan/Scarsella/Vittoria)

Die engste Gasse ist die nur 53 cm breite Calle Varisco in Cannaregio, die den Passanten nötigt, sich ein wenig zur Seite gedreht dort durchzuzwängen.

Die venezianische calle kennt auch ein Diminutiv: calesela oder caleta. Sie kann auch ramo heißen (s. dort), wenn es sich um eine Abzweigung handelt. Es gibt schließlich eine Calle Larga und eine Calle Lunga, jedoch ähneln diese calli nie den breiten Straßen anderer Städte. Nur zwei werden in Venedig als vie bezeichnet. Die erste, die Via Garibaldi, ist in Wirklichkeit ein rio terà (ein zugeschütteter Kanal, s. dort) und wurde 1807 geschaffen. Sie wurde zunächst zu Ehren von Eugène de Beauharnais, Vizekönig von Italien, Via Eugenia genannt, dann änderte man den Namen in Strada Nova dei Giardini, um sie schließlich 1866 nach Garibaldi zu benennen. Die zweite, die Via XXII Marzo, wurde in napoleonischer Zeit geplant, aber erst später realisiert, 1881 eingeweiht und ist dem Gedenken an die berühmte Volkserhebung gegen die Österreicher vom 22. März 1848 gewidmet. Außerdem existiert noch die Strada Nova, die als Verbindung zwischen dem Stadtzentrum und der Eisenbahnbrücke entstanden ist. Sie wurde 1871 eingeweiht und ursprünglich nach Vittorio Emanuele II., König von Italien, benannt, dann aber bald mit der allgemeinen Bezeichnung Strada Nova (Nuova) belegt.

Die venezianischen Ortsbezeichnungen sind schon etwas Besonderes. Die calli sind im Allgemeinen nach den Familien benannt, deren Wohnsitze oder Palazzi daran angrenzten. Einige Namen gehen aber auch auf Bezeichnungen von Berufen zurück, die dort oder in der Umgebung ausgeübt wurden (das kann sich auf bestimmte Handwerke oder auch Handelsaktivitäten beziehen). Manchmal besteht ein Bezug zur Kirche, zu Gemeinschaften (von Menschen aus der Fremde oder vom italienischen Festland). Schließlich mögen bestimmte Gegebenheiten namengebend gewesen sein (Calle della Bissa [der Natter], Calle del Vento [des Winds]).